19.01.2018

Bürowirtschaft darf nicht sterben – Der VLW fordert den Erhalt der Ausbildung von Fachpraxislehrkräften

Die Ausbildung von Lehrkräften für Fachpraxis in der Fachrichtung „Bürowirtschaft“ soll vom Bildungsministerium des Landes Rheinland-Pfalz mit der Begründung eingestellt werden, dass für diese Lehrkräfte angeblich kein Bedarf mehr bestehe.

Dies entspricht nicht der Realität in den Schulen, weshalb der VLW die Wiederaufnahme der Ausbildung und Schaffung von Ausbildungskapazitäten an den Seminaren für Berufsbildende Schulen fordert.

Wie kaum eine andere Lehrkraft vermag die Fachpraxislehrkraft Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen, denn sie verfügt über langjährige Berufserfahrung, meist aus Betrieben der Wirtschaft, aber auch aus der Verwaltung. Diese praktischen Tätigkeiten sind sehr vielfältig und umfassen u. a.:

  • Kundenkontakt, mit allen dazugehörenden kommunikativen Fähigkeiten und Anbahnung von Rechtsgeschäften; 
  • Kontakt zu Lieferanten sowie zu anderen Unternehmenspartnern und das Abschließen von Rechtsgeschäften innerhalb einer Artvollmacht; 
  • Organisation von Prozessabläufen; 
  • Sekretariatsaufgaben und sonstige administrative Tätigkeiten. 

Diese Aufzählung ist nicht abschließend. Der theoretische Hintergrund dafür wird erworben durch eine abgeschlossene Berufsausbildung und die weiterführende Ausbildung zur staatlich geprüften Lehrkraft im Bereich Bürowirtschaft und Textverarbeitung, wahlweise auch Informationsverarbeitung. Um an diesen Lehrgängen teilnehmen zu können, müssen die Absolventen über einschlägige Berufserfahrung verfügen.

In den BBSn werden die Fachpraxislehrkräfte mit der Fachrichtung Bürowirtschaft sowohl in den Vollzeitschulformen als auch im Berufsschulunterricht eingesetzt.

Zu den Vollzeitschulformen zählen: Berufsfachschule I, Höhere Berufsfachschule und an manchen Orten auch das Berufsvorbereitungsjahr. In all diesen Schulformen werden Fachpraxis-Lehrkräfte oft mit einem hohen Stundenanteil eingesetzt. Aufgabe der Lehrkräfte ist es, neben der Kompetenzvermittlung des Fachbereichs auch auf das Berufsleben vorzubereiten. Hierzu gehört auch das Heranführen an die sogenannten Arbeitstugenden (Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, konzentriertes durchgängiges Arbeiten uvm.), so dass die Tätigkeit hier der Funktion eines betrieblichen Ausbilders sehr nahekommt und von vielen Kolleginnen und Kollegen auch so wahrgenommen und ausgeübt wird. Insgesamt ist es dazu unerlässlich, dass Fachpraxislehrkräfte in einer ausreichenden Anzahl verfügbar sind, um die meist großen Klassen teilen zu können. Andernfalls kann die notwendige breitgefächerte Kompetenzvermittlung nicht gelingen.

In der Berufsschule übernehmen die Fachpraxislehrkräfte meist Bereiche, die sehr praxisorientiert sind:

  • Bürowirtschaftliche Abläufe
  • Textverarbeitung
  • Textformulierung bei der Briefgestaltung 
  • Tabellengestaltung und -bearbeitung in Excel
  • Präsentieren mit PowerPoint

Einsatzmöglichkeiten bestehen u. a. in folgenden Berufen:

  • Kauffrau/Kaufmann für Büromanagement
  • Medizinische und Zahnmedizinische Fachangestellte 
  • Notar- und Rechtsanwaltsfachangestellte 

Eine Berufsschule, die auf Lehrkräfte mit einschlägiger Praxiserfahrung verzichtet, vergisst, dass in einem funktionierenden dualen System der Berufsausbildung eine erfolgreiche Verzahnung von Theorie und Praxis in den Berufsschulen unerlässlich ist. Wer sollte dafür besser geeignet sein als Fachkräfte mit jahrelanger Berufserfahrung? Fachkräfte, die sich mit betrieblichen Gegebenheiten, Perspektiven aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebersicht, Problemstellungen des betrieblichen Handelns und situationsbedingten Notwendigkeiten am besten auskennen.

Immer wieder und seit Jahren fordern Politiker und Führungskräfte aus der ausbildenden Wirtschaft, dass Lehrkräfte Praktika in Betrieben absolvieren müssen, um die Realität des Arbeitslebens kennenzulernen. 

Der für eine Lehrtätigkeit im dualen System der beruflichen Bildung unbedingt notwendige Praxis-Hintergrund droht, mit der in den letzten Jahren zunehmenden Einstellung von Lehrkräften mit zwei allgemeinbildenden Fächern und fehlendem berufspraktischen Hintergrund, verloren zu gehen. Dies erkennen gerade die berufsbildenden Schulen. Lehrkräfte für Fachpraxis werden gebraucht und erfüllen in dem weltweit gelobten dualen System eine wichtige Funktion. In den nächsten Jahren droht, bedingt durch die kommende Pensionierungswelle, ein großer Teil dieser Kompetenzen für den Unterricht verloren zu gehen. Deshalb fordert der VLW die unverzügliche Schaffung von Ausbildungskapazitäten für Lehrkräfte für Fachpraxis mit der Fachrichtung „Bürowirtschaft“.