13.04.2016

Kaufmännische Berufsbildung braucht klares und starkes Profil

Jahr für Jahr benötigt unsere Volkswirtschaft eine große Zahl an kaufmännisch qualifizierten Nachwuchskräften. So werden in den 10 beliebtesten Ausbildungsberufen 75% der Auszubildenden (ca. 140 000) für kaufmännische Berufe ausgebildet. Auch die zunehmende Digitalisierung unter dem Stichpunkt Industrie 4.0 kann qualifiziertes Personal nicht ersetzen. So hatte sich bereits in den 90er Jahren gezeigt, dass durch die flächendeckende Einführung von PCs der Bedarf an Fachkräften sogar noch zugenommen hat. Eine ähnliche Entwicklung ist auch für das kommende Jahrzehnt zu erwarten. Sichtbar ist allerdings, dass die Ansprüche an die Qualifikation der Arbeitskräfte steigen werden. Schon heute gelingt es Betrieben häufig nicht, qualifizierte Fachkräfte bzw. ausbildungsreife Auszubildende in genügender Zahl zu finden.

Von hoher Bedeutung für die Qualifizierung junger Menschen sind die Bildungsgänge an den berufsbildenden Schulen. Dort werden im Rahmen der dualen Ausbildung Auszubildende kompetent unterrichtet und für die Abschlussprüfung in ihrem Beruf vorbereitet. Auch in den beruflichen Vollzeitbildungsgängen, von den Berufsfachschulen über die höhere Berufsfachschule und das Wirtschaftsgymnasium bis hin zu den kaufmännischen Fachschulen, werden kontinuierlich junge Menschen für die kaufmännische Berufstätigkeit qualifiziert. Die berufliche Bildung in Deutschland wird international anerkannt und bewundert. Die geringe Arbeitslosenquote, insbesondere bei der Jugend, ist ein Ergebnis erfolgreicher beruflicher Qualifizierung.

Es ist deshalb wichtig, das Bewährte zu stärken und weiter zu entwickeln. 

Leider stellen wir jedoch fest, dass die Bildungspolitik in unserem Land derzeit Entscheidungen trifft, die zu einer zunehmenden Verwässerung der kaufmännischen Berufsbildung führt. Dies beginnt mit Begrifflichkeiten z.B. in der Statistik. So wird bei der Fakultas der Lehrkräfte nicht mehr zwischen Betriebswirtschaftslehre oder Volkswirtschaftslehre unterschieden, sondern es wird lediglich der Begriff „Wirtschaft“ verwendet. Unvorstellbar wäre so etwas im Bereich Gewerbe/Technik. Dort wird doch auch sinnvollerweise zwischen Metall-/Holz-/Bautechnik usw. unterschieden. Zudem beweisen Bildungsstudien, dass der Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler mit der Fachkompetenz der Lehrkräfte korreliert.

Ein weiteres kritisch zu bewertendes Beispiel ist die Sichtweise von ADD und Ministerium, dass für die Leitung einer kaufmännischen Schule oder einer kaufmännischen Abteilung einer Bündelschule kein Funktionsträger oder keine Funktionsträgerin mit kaufmännischer Lehrbefähigung erforderlich ist. Dies mag für bestimmte organisatorische Aufgaben zutreffen. Wenn es aber um die Beurteilung und die Weiterentwicklung von fachlichem kaufmännischen Unterricht geht, bedarf es eben doch fundierter Fachkenntnisse, die nur über ein wissenschaftliches Studium und anschließender mehrjähriger Berufspraxis in diesem Fachbereich erlangt werden können. Der Versuch eine Schule bzw. Abteilung ohne diese Qualifikation zu leiten, führt zwangsläufig zur Schwächung des kaufmännischen Profils.

Dies gilt ebenso für den Unterricht in kaufmännischen Bildungsgängen, in dessen allgemeinbildenden Fächern kaufmännische Lernsituationen Vorrang haben sollten. Wirtschaftspädagogen mit allgemeinbildenden Zweitfächern sind dazu die idealen Lehrkräfte.

Das kaufmännische Profil muss stark und sichtbar bleiben. Ohne das berufliche Profil verliert die berufsbildende Schule ihre Legitimation. Ohne fachliche Kompetenz bei den schulischen Funktionsträgern bzw. Lehrkräften befinden wir uns bald auf einem Niveau, in das sich jeder Beliebige innerhalb kurzer Zeit einarbeiten kann. Damit gefährden wir unser sehr gutes Ansehen in der Wirtschaft und werden zum Spielball der Politik.  

Der VLW fordert deshalb u.a.:

  • Das Angebot und den Erhalt einer Vielfalt kaufmännischer Bildungsgänge an den berufsbildenden Schulen des Landes.
  • Die Stärkung der fachlichen Kompetenz im Bereich der kaufmännischen Bildung durch entsprechende Berücksichtigung in den Lehrplänen
  • Die Sicherung des Nachwuchses an qualifizierten Wirtschaftspädagogen und –pädagoginnen
  • Die Besetzung von Funktionstellen im kaufmännischen Fachbereich mit Lehrkräften mit kaufmännischer Fakultas.