01.09.2017

Positionspapier zur Weiterentwicklung der Höheren Berufsfachschule

Der VLW begrüßt das Vorhaben, die HBF an veränderte gesellschaftliche und bildungspolitische Rahmenbedingungen anzupassen. Sparbemühungen unter dem Deckmantel der Reform lehnt der VLW hingegen vehement ab.

Die Reformpläne des Bildungsministeriums sehen vor, die Höhere Berufsfachschule als vollschulische Erstausbildung zu profilieren. Deshalb orientiert sich die neue Stundentafel an den Vorgaben der KMK-Rahmenvereinbarung zur Ausbildung und Prüfung zum staatlich geprüften Assistenten an Berufsfachschulen. Des Weiteren wird das Pflichtpraktikum deutlich ausgeweitet (im Regelfall ver­doppelt) und mit 640 Unterrichtsstunden in der Stundentafel verankert. Der Erwerb der Fachhoch­schulreife soll weiterhin möglich sein, der entsprechende Unterricht soll allerdings nicht mehr zum Pflichtkanon gehören, sondern muss gegebenenfalls zusätzlich absolviert werden. 

Dies führt zu einer massiven Reduktion des Unterrichts - vor allem in den allgemeinbildenden Fächern - für jene Schüler, die nicht am FHR-Unterricht teilnehmen, welche in der Regel die schwä­cheren Schüler sind. Damit werden diese HBF-Schüler gerade in den Fächern benachteiligt, die für den Erwerb der von den Ausbildungsbetrieben geforderten Kernkompetenzen „Lesen, Schreiben, Rechnen“ von Bedeutung sind. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass eine wesentliche Aufgabe der HBF darin besteht, gerade in diesen Kulturtechniken Defizite auszugleichen, die die Schüler von ihren bisherigen Bildungsgängen der Sekundarstufe I mitbringen.

Die Zahl der Fachrichtungen soll von derzeit 23 auf 9 plus x reduziert werden. Für den Bereich der Wirtschaft ist nur noch eine einzige Fachrichtung vorgesehen. Dies dient offensichtlich dem Ziel, in den Oberstufen Klassen zusammenlegen zu können und somit Lehrerstunden einzusparen. Für die Schüler entfällt damit die Möglichkeit, differenzierte Qualifikationen zu erwerben, und die hohe Un­terrichtsqualität in tendenziell kleineren Oberstufenklassen wird dem Spardiktat geopfert. Der VLW lehnt dies ab und fordert, im Bereich der Wirtschaft mindestens zwei Fachrichtungen (z. B. Handel und Industrie) beizubehalten.

Der Sparcharakter der Reform zeigt sich auch darin, dass für das jetzt deutlich ausgedehnte Prakti­kum kein Lehrkräfteeinsatz vorgesehen ist. Und das, obwohl die Praktikumserfahrungen in die Be­richtsarbeit einfließen sollen, die wiederum prüfungsrelevant sein soll. Die Schülerinnen und Schüler in der Praktikumsphase unbetreut zu lassen, wäre aus Sicht des Verbandes unverantwortlich. Der VLW fordert hier eine Gleichbehandlung der HBF mit der Fachoberschule, die im organisatorischen Verbund mit der Realschule plus geführt wird. Dort wird das Praktikum von Lehrkräften qualifiziert betreut, die dafür bis zu vier Anrechnungsstunden je Klasse erhalten.

Mit Beginn des laufenden Schuljahres hat an sechs rheinland-pfälzischen BBSn die Pilotierung der Reform begonnen. Die von uns geforderte Verschiebung dieser Pilotierung hat das Bildungsministe­rium ohne Begründung abgelehnt, unserer Forderung nach Verlängerung der Pilotphase auf zwei volle Schuljahre hat es hingegen entsprochen. Die dadurch gewonnene Zeit gilt es jetzt zu nutzen, um die Erfahrungen der Pilotschulen in die Reform der HBF mit einfließen zu lassen. Hier muss ehrlich reflektiert werden und Realitätssinn vor Wunschdenken stehen. Es darf nicht sein, dass Elemente, die sich in der Pilotphase nicht bewähren, am Schluss doch in der Verordnung auftauchen.

Die Höhere Berufsfachschule ist ein bewährter Bildungsgang unter dem Dach der BBS. Sie hat in der Vergangenheit Tausenden von Schülern, die bei Verlassen der Sekundarstufe I zwar einen Schulabschluss besaßen, aber noch keinen passenden Ausbildungsplatz finden konnten, den Bil­dungsaufstieg ermöglicht und den Einstieg in die Berufswelt erleichtert. Diese gesellschaftlich un­schätzbar wertvolle Funktion macht die HBF in unserer Bildungslandschaft unverzichtbar. Deshalb fordert der VLW, dass die Reform nicht zu Sparzwecken missbraucht, sondern tatsächlich dazu genutzt wird, die HBF zum Wohle unserer Schülerinnen und Schüler zukunftsfähig aufzustellen.

Emmelshausen, 25.08.2017